Alandradon von Denise Elsässer

Kapitel 1

 

 

Alandradon war kurz vor dem Ziel. Das Schloss des Waldes, Schloss Lesca, der Sitz des Königs und der Königin über alle grünen Lande, lag vor ihm. Obwohl es das Schloss des Waldes war, lag es zwischen Feldern und Wiesen, auf denen zahlreiche Pferde und Kühe grasten.

Die hohen Bäume des dunkelgrünen, dichten Waldes bewachten die Ebene wie ewige Soldaten.

Der Weg sah einladend aus, mit dem Blick hinauf zu der schneeweißen Burg mit den beiden Türmen.

Und doch hatte er ein ungutes Gefühl. Die Aufforderung, die ihn hierher bestellte, wurde mit äußerster Dringlichkeit übermittelt. Wobei er dennoch am liebsten abgelehnt hätte, nur konnte er der Königin der Wälder keinen Wunsch abschlagen.

Sein Pferd Mik tänzelte mit geblähten Nüstern unter ihm. Es war ein großes und kräftiges Tier mit wilder schwarzer Mähne und dunkelbraunem Fell, das in der Sonne rötlich glänzte. Nach der Anstrengung der Reise war das Fell gänzlich von Schweiß getränkt und von weißem Schaum übersät. Es würde seine Pause bekommen, sobald sie die Stallungen erreichten. Alandradon gab dem Tier den Kopf frei und sofort jagte es das letzte Stück die Straße entlang, hinauf zur kleinen Stadt, die das Schloss umgab.

 

 

Vor dem Stadttor wurde er aufgehalten. Eine große Kutsche mit zwei Dutzend Reitern versperrte den Weg. Alandradon musste sich gedulden, und nutze die Zeit, um sein schnaufendes Pferd kleine Kreise ziehen zu lassen. Dann sprang er selbst aus dem Sattel, um sich die Beine zu vertreten.

Einer der Begleitreiter beobachtet ihn.

Alandradon fing seinen Blick auf und der Mann tippte sich grüßend an die Stirn. Höflich erwiderte er den Gruß.

„Das ist ein schönes Tier, das Ihr da habt“, sagte der Mann.

„Vielen Dank. Es stammt aus einer besonderen Zucht. Könnt Ihr mir vielleicht sagen, warum das so lange dauert?“ fragte Alandradon.

Der Mann blickte zur Kutsche: „Ich kenn mich damit ehrlich gesagt nicht so aus.“ Er hatte eine tiefe, verzerrte Narbe, die seine Mimik einschränkte. Sie zog sich quer über das rechte Auge und hinunter bis zum Kinn.

„Aber ich denke, es geht bald weiter. Wir warten bereits eine Zeit.“

Alandradon nickte als Antwort.

Plötzlich erbebte die Kutsche von einer schrillen Frauenstimme erschüttert. Der Begleitreiter bezog sofort seinen Posten am hinteren Wagenrad.

Alandradon zuckte zusammen.

Der Kutsche waren sechs Pferde vorgespannt. Koffer, Kisten und Truhen drückten die Achsen auf die Räder. Nirgendwo gab es eine Standarte. Alandradon hätte zu gern gewusst, wer im Inneren saß, und dann flog eine Tür auf. Ein seidenbehandschuhter Arm fuchtelte herum. Die Frau beschwerte sich darüber, dass der Wachmann sie nicht passieren ließ. Als der Saum des Rockes über die Stufe rutschte und ihm ein Fuß folgte, war Alandradon sicher, wer in dieser Kutsche saß.

Er war nun sehr sicher: Das Frauenzimmer war die Cousine des Königs, einer Frau, der er nicht begegnen wollte.

Er sah sich um, viel Deckung gab es nicht, außer hinter seinem Pferd. Er zog es vor sich und blickte unter dessen Hals hindurch.

Bevor sich die Frau wütend aus der Kutsche zwängen konnte, hörte er eine gelassene männliche Stimme.

„Lass gut sein, Mutter. Bitte bleib sitzen, dieser Mann tut nur seine Arbeit.“

„Von wegen! Das hat Niyha zu verantworten! Es ist eine Unverschämtheit uns nicht anzukündigen!“, kreischte die Frau aber zog den Fuß zurück.

„Es handelt sich sicher um ein Versehen. Die Königin erwartet uns erst für morgen,“ sagte der Mann und reichte dem Wachmann einen Schrieb aus der Tür. Der Wachmann wirkte angespannt und blätterte gleich ein dickes Bündel Papier durch. Dennoch ließ er sich nicht vom erneuten hysterischen Geschrei aus dem Inneren beirren. Die Frau drohte ihm Strafen durch die Königin an, aber er vollzog routiniert seine Kontrolle.

Alandradon blieb hinter seinem Pferd, bis der Wachmann alles auf seiner Liste gefunden hatte und die Kutsche durchwinkte. Natürlich nicht ohne einen weiteren Kommentar der Dame im Innern.

Kaum war die Kutsche vorbei, wandte er sich seinem Häuschen am Tor zu und rieb sich genervt über die Augen. Er murmelte Flüche vor sich her, die er sich natürlich nicht erlauben durfte, aber er hatte Alandradon noch nicht bemerkt.

„Ich grüße Euch“, begann Alandradon freundlich. „Heute ist wohl viel los?“

Der Mann fuhr erschrocken herum. „Ja. Das kann man so sagen. Entschuldigt, ich habe Euch nicht kommen sehen. Herzlich willkommen. Ihr wollt sicher auch zum Fest. Dann brauche ich nur Eure Einladung.“

Alandradon zuckte mit den Schultern.

„Fest?“, murmelte er.

„Moment!! Ich kenne Euch! Ihr seid Alandradon, nicht wahr? Ich habe schon gehört, dass man auf Euch wartet.“

Alandradon nickte und blickte den Mann genauer an. Er versuchte, ihn einzuordnen. Er glaubte ihn zu erkennen, wenn er ihn sich ein paar Jahre jünger vorstellte.

„Das ist gut, denn ich habe keine Einladung dabei. Darf ich trotzdem passieren?“ fragte er.

„Aber selbstverständlich. Euch stelle ich mich sicher nicht in den Weg. Ich erinnere mich noch sehr gut an Euch. In meinem ersten Jahr hier am Tor habt Ihr mich so manches Mal geweckt.“

Alandradon lächelte nun auch. Er erinnerte sich an diesen Wachmann, der erst geweckt werden musste, damit er das Tor öffnete.

„Ich bin Euch so dankbar, dass Ihr mich nie verraten habt“, plauderte der Mann weiter.

Alandradon winkte ab. „Keine Ursache. Könnt Ihr mir nur schnell verraten, was gefeiert wird?“

Der Wachmann sah skeptisch drein.

„Es ist der Geburtstag der Prinzessin. Viele Leute sind eingeladen worden, aber wir sollen sehr wachsam sein“, erklärte der Mann.

„Ein Geburtstag?“ entglitt es Alandradon. Wieso musste er zu einem Geburtstag kommen? Er ging davon aus, dass ein Krieg bevorstand. Aber ein Geburtstag?!

„Aber ja. Unsere Prinzessin wird 18. Und vielleicht …“ der Wachmann lehnte sich verschwörerisch vor. „… wird auch eine Verlobung bekannt gegeben. Ist aber nur ein Gerücht. Ich sag besser nichts mehr.“ Er lachte und zupfte seine Uniform zurecht, bevor er Alandradon passieren ließ, fast ein wenig feierlich.

Alandradon bedankte sich und saß auf, um endlich zum Schloss hinauf zu reiten. Zur Geburtstagsfeier. Der Feier der Prinzessin.

 

 

Die Stadt Luzon erstreckte sich rings um den kleinen Hügel, auf dem das Schloss gebaut war.

Es war kein großes Städtchen.

Gepflasterte Straßen verbanden die Teile der Stadt so gut und übersichtlich, dass der Marktplatz nur von fahrenden Händlern genutzt wurde.

Die Einheimischen hatten sich kleine Verkaufstände vor ihren Häusern errichtet, an denen sie das Gemüse von den Feldern, Obst aus den Gärten oder Handarbeiten wie Schmuck oder Töpferwaren, verkauften.

Normalerweise ging Alandradon gerne durch die Gassen und schaute sich um.

Ein Abstecher zum Markt lohnte sich, da war immer was los.

Heute allerdings nahm er den direkten Weg hinauf zum Schloss. Er war sehr gespannt auf das, was ihn erwartete. Es konnte einfach nicht sein, dass man ihn wegen eines Geburtstags herbestellt hatte. Er war ein Krieger, kein Tänzer!

Das letzte Stück zum Schloss führte über eine steinerne Brücke. Gleich dahinter gewährte das hohe, weite Tor den Blick auf den Innenhof. Die Mauern, die sich links und rechts des Tores erhoben waren ebenso weiß, wie die beiden Türme, die in den Himmel ragten. Oben auf dieser Mauer befanden sich lange Wege, über die Wachen patrouillierten.

Allerdings hatte er das lange nicht erlebt. Es war lange sehr friedlich in diesem Land gewesen. Da oben spazierte für gewöhnlich die königliche Familie, um den Ausblick über die Stadt zu genießen.

Langsam ließ er Mik über die Brücke und durch das Tor gehen. Niemand beachtet ihn. Aber ihm sollte es recht sein.

Die Stallungen lagen auf der rechten Seite, wo er zügig verschwinden wollte, denn die große Kutsche stand mitten auf dem Platz und wurde abgeladen.

Zahlreiches Hofpersonal, inklusive der Wachleute, war mit der Ankunft der Kutsche beschäftigt.

Ein Flügel des Schlossportals stand offen. Bedienstete liefen die Stufen rauf und runter. Von der Insassin war nicht zu hören. Sicher saß sie in einem Salon und beschwerte sich über die Reise.

Die Begleitreiter kümmerten sich um ihre Pferde und der Kutscher spannte mit seinem Gehilfen das Gefährt ab.

Alandradon wollte die Gelegenheit nutzen, um mit Mik im Stall zu verschwinden. Der Stallmeister war ein alter Freund von ihm und würde seinem Pferd sofort jede Annehmlichkeit zukommen lassen.

Zwischen ihm und der rettenden Tür stand nur die Kutsche. Doch da erhob sich plötzlich die bekannte Frauenstimme.

Die Röcke raffend, stürmte sie die Treppe hinunter, hielt auf die Kutsche zu und deutete mit dem ausgestreckten Finger auf die Koffer.

Ihre Aufmerksamkeit galt den hilflos dreinblickenden Dienstboten, die die Koffer abluden.

Alandradon wurde wieder unsichtbar hinter seinem Pferd. Er hörte das Rascheln ihres Kleides.

„Wo ist meine kleine Tasche? Sie lag ganz oben“, schrie sie.

Alandradon lugte durch die Mähne seines Pferdes und beobachtete.

Der Junge vor der Frau sah hilflos zu einem anderen und zuckte mit den Schultern. „Beweg dich gefälligst und finde sie!“, rief sie dem Jungen zu. Er machte kehrt und eilte davon.

„Der, der und der Koffer, die kommen auf mein Zimmer. Das kann doch nicht so schwer sein die richtigen Koffer auf das richtige Zimmer zu bringen! Unglaublich, wenn Ihr mir unterstehen würdet. Du! Bleib gefälligst stehen und nimm noch einen Koffer mit!“

Unsicher gehorchten die Burschen und griffen an Gepäck, was sie eben tragen konnten. An jedem hatte sie etwas auszusetzen.

Während sie keifte, schielte Alandradon unter Miks Hals hindurch. Einem Jungen riss sie fast ein Ohr ab, nur weil er sich seine Jacke wegen der Hitze ausziehen wollte.

Alandradon war empört über dieses Verhalten.

Schnell löste er einige Knöpfe und beeilte sich, seine Weste abzustreifen. Sie war für den besseren Halt einer Schwertscheide auf dem Rücken entworfen worden und trug natürlich auch jetzt sein Schwert. Das war nicht gerade unauffällig, aber genau das wollte er gerade sein.

Er hörte sie wieder keifen, diesmal lauter, sie kam näher.

Er rollte die Weste um die Schwertscheide und klemmte das Bündel unter dem Sattelblatt fest. Leise schnalzte er mit der Zunge und ging mit Mik zum Stalltor. Dabei brachte er mit gesenktem Kopf seine Haare weiter durcheinander und kämmte ein paar längere Strähnen in die Stirn.

Das Haar war so staubig, dass es seine dunkelblonde Farbe nur stellenweise preisgab. Gleichzeitig rupfte er an seinem Hemd und zog den Saum über den Hosenbund. Je einfacher er aussah, desto weniger Aufmerksamkeit würde sie ihm schenken.

Das würde funktionieren, solange sie nicht den Dolchgriff entdeckte, der aus seinem Stiefel ragte.

„Du! Bleib gefälligst stehen! Frechheit, wie kann man nur so faul sein!“, rief sie. „Du mit dem Pferd. Bleib gefälligst stehen!“

Alandradon spürte den giftigen Blick im Rücken, dann stand die wütende Frau vor ihm.

Sie war um die fünfzig, trug ein dunkelgrünes Samtkleid und streng gesteckte, ergraute Haare. Ihr Gesicht war auffallend stark geschminkt, was aber nicht im Geringsten gegen die tiefen Falten half.

Renya, die Cousine des Königs. Eine jener Verwandten, der man Höflichkeit schuldete. Sie gehörte schließlich zur Familie.

Er wollte sich den Aufstand nicht einmal ausmalen, wenn sie verstand, wem sie gegenüberstand. Sie musterte ihn mit kalten graugrünen Augen und stemmte ungeduldig die Hände in die Hüften. Dass er nicht zu ihren Leuten gehörte, hatte sie wohl bemerkt, was kein Grund war ihn nicht anzuschreien.

„Wenn du schon hier rumstehst, kümmer dich um das Pferd. Das kann doch nicht so schwer sein.“ Sie deutete auf ein einzelnes Pferd vor der Kutsche. Er wartete noch ein, zwei Lidschläge, dann explodierte Renya fast. „Los!“

In aller Ruhe nahm er die Zügel des anderen Pferdes und ging in den Stall. Sie hatte ihn nicht erkannt.

Aufatmend betrat er die Stallungen.

Der Geruch von Heu und Pferden empfing ihn, das Treiben vom Hof galt hier nicht. Lediglich etwas Staub von außen hing in den Sonnenstrahlen.

Eine lange, blank gefegte Stallgasse lag vor ihm, die zu beiden Seiten über etliche Stellplätze verfügte. Über einige Gatter streckten die Pferde neugierig die Köpfe hinaus. Am Ende dieser Gasse gabelte sich der Weg und weitere Stellplätze reihten sich aneinander. Sicherlich konnten die Stallungen duzende von Pferden beherbergen. Und keinem sollte es je schlecht ergehen, solange Gallou der Stallmeister das Sagen hatte.

Alandradon hielt Ausschau nach seinem Freund, um ihn zu begrüßen und Mik in seine Obhut zu geben, als ein junger Stallbursche um die Ecke bog. Beladen mit Sattelzeug steuerte er auf die Tür neben dem Tor zu.

„Bitte, geht einfach durch. Nehmt einen freien Stellplatz. Ich kümmere mich gleich um Euer Pferd“, erklärte er und verschwand sofort wieder.

„Ja gut“, murmelte Alandradon und trottete mit Mik und dem fremden Pferd die Stallgasse runter. Auf halber Strecke öffnete sich eine Boxentür und ein Begleitreiter trat heraus. Alandradon erkannte die grobe Narbe und lächelte ihm zu.

Freundlich kam der Mann heran und übernahm die Zügel des Kutschpferds.

„Das ist nett von Euch, ich war gerade auf dem Weg. Ihr hättet es stehen lassen können“, versicherte er und klopfte dem Pferd den Hals.

„Eure Herrin war anderer Meinung.“

Der Mann nickte verständnisvoll.

Er wollte es sich nicht erlauben, aber sein Gesicht verriet deutlich die Missbilligung gegenüber Renya, seiner Herrin.

„Ich stehe sonst nicht ihn Ihrem Dienst“, sagte er als müsse er sich entschuldigen.

„Was man nicht alles für gutes Geld tut“, Alandradon lächelte ihm zu.

„Ha. Wenns das mal wäre. Ich bin bloß für meinen Bruder eingesprungen. Hat sich das Bein gebrochen der Unglückliche. Und sie wollten, dass er trotzdem reitet. Keine faulen Ausreden, sagten sie.“

Alandradon seufzte. Dem Mann tat es offensichtlich gut etwas Beistand in seiner Abneigung gefunden zu haben.

Neben Alandradon öffnete sich eine Stalltür und ein junges Mädchen lugte hervor. Sie sah Alandradon von oben bis unten an, trat heraus und verriegelte die Tür. Er nickte ihr grüßend zu und wandte sich seinem Gesprächspartner zu.

„Seid Ihr Gast oder ein Mitglied dieses Hofes?“, wollte der Reiter wissen.

„Nun, ich bin zu Gast hier.“ Alandradon überlegte gleichzeitig, welchen Stand er eigentlich einnahm. Früher war er sicher ein Mitglied des Hofes, aber galt das noch? Wobei ihm die Bedeutung der Frage sofort einleuchtete, der Mann wollte wissen, ob es angemessen war sich mit ihm im Plauderton zu unterhalten, oder ob er ihm einen Kniefall schuldete.

Alandradon wollte ihm die Befangenheit nehmen und sich vorstellen, als energisches Klappern von Stiefelabsätzen sie unterbrach.

„Dorryn? Bist du hier?“, rief ein Mann vom Eingangsportal und störte damit erheblich die angenehme Ruhe der Stallungen.

„Ja, Eure Hoheit, ich versorge ein Pferd“, rief der Mann neben Alandradon zurück. Dann flüsterte er zähneknirschend: „Das ist unser geschätzter Prinz Pherin.“

Alandradon sah zurück und erkannte im Gegenlicht die Silhouette eines Mannes, der die Arme verschränkte und mit einem Fuß zur Seite gestellt auf dem Boden tippte.

Das Mädchen, das gerade auf dem Weg zum Tor war, hatte abrupt kehrt gemacht und kam in ihre Richtung.

„Ach, lass das Pferd von jemand anderem versorgen, ich brauche jetzt deine Hilfe“, rief der Prinz ungeduldig.

Alandradon nickte Dorryn freundlich zu und bot sich an die Zügel des Kutschpferds zu nehmen. Stumm dankte er ihm und wollte umkehren.

Da hob der Prinz den Kopf.

„Mayarah?“, fragte er verblüfft. Und plötzlich rannte das Mädchen einfach los, sodass es beide Pferde erschreckte. Sie lief an Dorryn vorbei, der völlig verwundert um sich sah, und wollte dann zwischen Mik und der Wand durchlaufen. Das Pferd war nervös und wollte nach vorne ausbrechen, das Kutschpferd hingegen zog genau in die andere Richtung. Alandradon ließ dessen Zügel los und verhinderte, dass Mik ihm förmlich in die Arme sprang. Nun drängte das Pferd wütend zur Wand, hob drohend immer wieder den Hinterlauf und legte die Ohren an den Kopf.

Das Mädchen stand mit dem Rücken zur Wand, und das wütende Pferd stampfe auf es zu.

Alandradon zerrte am Zügel und trieb Mik ein Stück von der Wand weg, dem Mädchen rief er zu, es solle zu ihm kommen, aber es bewegte sich kein Stück.

Mik warf den Kopf zur Seite, bleckte die Zähne und wollte zuschnappen. Alandradon glitten fast die Zügel aus den Fingern. Streng ermahnte er das Pferd. Das Verhalten war er von Mik nicht gewöhnt. Unruhig tänzelte er umher, sodass Alandradon das Mädchen erst mal am Arm packte und zu sich zog.

Aber sie klebte an der Wand, mit zusammengekniffenen Augen, vollkommen steif und wollte seiner Hand nicht folgen, sodass er sie zerren musste.

Mit einem letzten energischen Ruck tat sie die paar Schritte und war nun in Sicherheit.

Als wäre er beleidigt, blähte Mik die Nüstern und trat nach hinten aus, wobei er scheppernd die Tür eines Stellplatzes traf. Das Pferd darin drängte sich mit aufgerissenen Augen an die hintere Wand und quietschte erschrocken auf.

Auf der anderen Seite mühte Dorryn sich damit ab, das Kutschpferd zu beruhigen. Es wollte immer noch aus dem Stall flüchten, aber er hatte die Zügel noch zu fassen bekommen.

Für den Aufruhr erntete er dazu noch lautstark den Zorn des Prinzen, der das heranlaufende Pferd als einen Angriff auf seine Person deutete. Nicht gerade beruhigend für das nervöse Pferd.

„Bist du eigentlich taub?“, fuhr Alandradon das Mädchen an. Der Schreck darüber, sein Pferd könnte jemanden verletzen, hatten ihm zugesetzt.

Mik schnaubte laut, trat von einem Huf auf den anderen, dann schüttelte er sich. Langsam beruhigte er sich.

Das Mädchen schlug die Augen auf. Sie sah wütend aus.

Aber bei genauem Hinsehen kam Alandradon das Gesicht bekannt vor. Feine Züge, schmale Wangen, kleine, gerade Nase und hohe geschwungene Augenbrauen.

Sie ließ ihm keine Zeit den Gedanken zu beenden, denn ihre tiefgrünen Augen blitzen und die vollen Lippen zogen sich schmal zusammen. Sie riss ihren Arm aus seinem Griff und zischte: „Lasst gefälligst Eure Finger von mir!“

„Mein Pferd hätte Euch verletzen können!“, konterte er grimmig.

„Dann passt besser auf!“ Sie hob den Kopf, reckte das Kinn und straffte den Rücken. Alandradon ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie war mehr als einen Kopf kleiner als er.

„Ich hätte nicht eingreifen müssen“, sagte er herausfordernd, selbst wenn er wusste, dass es so nicht geschehen wäre.

„Dann eben nicht“, bluffte sie.

Alandradon sah sie böse an. Sie standen da und ihre Blicke bauten Mauern.

Keiner wollte nachgeben.

Mik schnaubte leise.

„Gut. Dann weiß ich beim nächsten Mal Bescheid“, sagte er und rechnete mit einem erneuten Wutausbruch, aber sie sah ihn fast blöde an. Eine Sekunde verstrich, in der sie nach einer Erwiderung suchte, nur bevor sie beleidigend werden konnte, hallte die Stimme des Prinzen durch den Stall.

„Mayarah?!“

Ehe das Mädchen sich abwandte, funkelte sie Alandradon noch einmal wütend an, und lief davon. Ohne ein weites Wort.

Hinter seinem Rücken hörte er, wie energisches Klappern von Stiefelabsätzen lauter wurde. Einen Lidschlag später stand ein junger, gut aussehender Mann neben ihm. Seine Kleidung war von auffallend hochwertiger Qualität und unverschleiert edel. Übertrieben für die Dauer einer solchen Reise und vollkommen fehl am Platz im Pferdestall. Das schien dem Träger sehr bewusst zu sein. Pikiert reckte er die Nase. Seine braunen Haare tadellos frisiert und seine blassgrünen Augen sahen herablassend auf den größeren Mann ihm gegenüber.

Alandradon verdaute noch die Wut über das Mädchen und gab sich Mühe höflich zu bleiben, als er angesprochen wurde.

„War das die Prinzessin?“ Der Prinz blickte angestrengt die Stallgasse hinunter. Aber das Mädchen war bereits verschwunden.

Alandradons Ärger bekam sofort neuen Zündstoff. Das arrogante Gehabe des Jünglings provozierte ihn, und dazu noch die Stimme. Der Bursche sprach in einem leicht aggressiven Tonfall mit ihm, der durchblicken ließ, dass er sich tapfer überwand, mit dem niederen Volk zu sprechen.

„Kann ich Euch nicht sagen. Ich kenne die Prinzessin nicht“, antwortete er. Der Prinz holte Luft und sah ihn an. Als er zu einer Erwiderung ansetzen wollte, trafen sich ihre Blicke und er hielt inne. Alandradons Abscheu und konzentrierte Beherrschung standen in seinem Blick und das schüchterte ihn offenbar ein.

„Dann kann man Dir wohl keinen Vorwurf machen“, sagte der Prinz abwiegelnd. Alandradon hob eine Augenbraue.

Er hatte schon wieder genug vom Hofleben. Und so kamen die nächsten Worte mit scharfem Unterton.

„Sicher nicht. Wie nett von Dir.“

Der Prinz machte die Augen ein Stück weit mehr auf, was seine Empörung verriet. Es gab sich allerdings schlichtend.

„Ich tue einfach, als hätte ich deine Unverschämtheit überhört. Bestimmt wisst ihr nicht, wer ich bin. Und das erkläre ich so, dass es schwer für Euch ist, mich zu erkennen. An so einem unpassenden Ort, den ich eigentlich nicht betreten sollte“, er verwies auf den Stall und überspielte die Situation mit einer Maske falscher Freundlichkeit.

Als er sich zum Gehen wandte und schon einige Schritte getan hatte, antwortete Alandradon: „Zu freundlich von Euch, Prinz Pherin.“

Von einem solchen Prinzen wollte er sich nichts gefallen lassen. Schon gar keine falsche Gnade. Sollte er ruhig wissen, dass er die ganze Zeit wusste, wer der andere war.

Der Prinz blieb stehen und drehte sich herablassend zu ihm um.

„Man kann es auch übertreiben. Ich werde mich über dich erkundigen. Und du wirst es bereuen.“

Alandradon wollte nicht laut lachen, aber danach gewesen wäre ihm. Er murmelte seine Verachtung für den jungen Mann bloß vor sich her, als er Mik in einen der Stellplätze brachte. Er wäre gerne dabei, wenn der Prinz erfuhr, dass es niemanden gab, bei dem er sich über ihn beschweren konnte.

 


 

Kapitel 2

 

 

„Was ist hier eigentlich in meinem Stall los?!“, donnerte eine tiefe Stimme. Ein großer, kräftiger Mann kam zügig die Stallgasse hinunter. Er führte ein Pferd durch das hintere Tor und band den Führstrick an einen Pfosten. Nun kam er mit großen Schritten auf den jungen Stallburschen zu, der dabei war das Kutschpferd des Prinzen zu versorgen.

„Ich habs mal noch hinten auf der Wiese gehört! Also, was ist hier los?“

„Ähm, äh. Also das … das war gar nicht so schlimm“, stotterte der Junge.

„Schon wieder alles unter Kontrolle, reg dich nicht so auf“, antwortete Alandradon und schloss die Tür vor Mik.

„Na sicher, jetzt wunderts mich mal nicht“, grollte der Stallmeister und verzog die Mundwinkel zu einem breiten Grinsen. Diesem Mann war zuzutrauen, dass er ein Pferd mit bloßen Händen zu Boden ringen konnte. Abgestritten hatte er dies nicht, es hatte bisher bloß niemand gesehen.

Sein Name war Gallou und eigentlich war er ein gutmütiger Mann. Er konnte es nur absolut nicht leiden, wenn jemand das Glück seiner Pferde störte. „Du Halunke.“

„Ich freu mich auch dich zu sehen“, sagte Alandradon und ging ihm mit einem strahlenden Lächeln entgegen. „Ich kann nichts dafür, dass alle durchdrehen, wenn ich auftauche.“

„Mhmmm. Rumtreiberpack“, murrte Gallou. „Freu mich aber dich mal wieder zu sehen. Pack deinen Kram ausm Weg, ich zeig dir, wo dus lassen kannst.“

Er deutete auf Miks Sattelzeug, das immer noch im Gang lag. „Könnte man auch besser pflegen“, murmelte er. Alandradon raffte alles an sich und folgte Gallou zum vorderen Eingangstor. An der Stelle, wo Mik gegen die Wand getreten hatte, blieb er abrupt stehen.

„Was ist das denn mal?“, fragte er und sah sich wieder nach seinem Stallburschen um.

„Ein Versehen“, bemerkte Alandradon.

„War das dein Gaul?“

Alandradon nickte entschuldigend.

„Bist du wahnsinnig! Die Stute da ist tragend.“

Gallou öffnete die Tür und vergewisserte sich, dass es dem Pferd gut ging. Mit leiser, sanfter Stimme, trat er auf die Stute zu, streichelte sie und versicherte ihr, dass so was nie wieder vorkommen würde.

„Hat dein Pferd solche Umgangsformen von dir? Sie ist mal eine echte Dame. Und so eine Schönheit.“

Alandradon sah dem Mann zu, wie er mit dem Pferd schier flirtete, und verdrehte unmerklich die Augen.

„Sicher nicht. Das war wirklich keine Absicht. Mik ist nervös geworden. Der Prinz hat hier für Unruhe gesorgt“, erklärte er. Gallou verzog das Gesicht.

„Was die sind schon da? Welch Freude“, sagte er abwertend. Alandradon bestätigte diesen Eindruck mit einem ironischen Grinsen. Gallou verschloss die Boxentür. „Aber ehrlich überraschen, tuts mich mal nicht. Die von da oben sind mal gut drin andere unruhig zu machen.“

„Gibt’s da spezielle Entwicklungen?“

„Mhmm. Jahhhh, nee. Genau weiß ichs mal nicht. Du kennst dich doch da besser mit aus.“

„War lang nicht hier.“

„Jahhh. Was weiß ich. Hier ist man wohl mal unruhig wegen dem Erben. Weißt doch, wie das ist.“ Alandradon nickte. Es stimmte, dass das Thema der Thronfolge immer präsent in diesem Schloss war.

„Aber es gibt doch den Erben. Ich denke, ich hab die Prinzessin eben gesehen. Die ist doch alt genug. Sollte Niyha tot umfallen, ist das Land nicht kopflos.“

„Beschrei es mal nicht. Unsere Königin soll mal noch ne Weile da sein“, sagte Gallou mit großen Augen. „Aber hast recht. Die Prinzessin ham wir. Aber die hat mal keinen Mann. Und das macht alle nervös.“

Alandradon stöhnte auf.

„Und das ewige Lied geht weiter. Aber wieso hat die keinen? Da winkt ein Thronposten. Hier müsste jede Woche ein anderer vor der Tür stehen.“

Gallou räusperte sich.

„Ja, das kann man mal so sagen“, er sprach leiser. „Aber du bist ihr doch eben mal begegnet, oder? Also was sagst du?“ Gallou öffnete die Tür zu einer geräumigen Sattelkammer und schloss sie hinter Alandradon.

„Ach. Keine Ahnung. Mir kannst du mit so einer nicht kommen. Aber sie ist ganz niedlich.“

„Manchmal bist du echt zu nett. Die Kleine hat mal Männer dazu gebracht aus dem Tor zu laufen. Und das waren nicht nur die Weichflöten aus hohen Häusern. Einer hat sogar gesagt, seine Mutter läge mal im Sterben und er müsse nach Haus. Kam aber nie wieder.“

Alandradon lachte und packte seinen Sattel auf einen Bock.

„Ach komm.“

„Wenn ichs dir mal sage. Die ergreifen die Flucht vor dem Mädchen. Bis auf der Prinz… hier der, Phern Dings.“

„Pherin.“

„Eben. Der kommt imma wieder. Aber den will die Prinzessin mal nich ham.“

„Zu verübeln ist es ihr nicht.“

Gallou stimmte mit einem missmutigen Augenrollen zu. Es war faszinierend wie gut informiert der Stallmeister über den Klatsch im Schloss war. Sicher würde er es nie laut zugeben, aber er hatte sogar etwas für diese Dinge übrig und war damit eine zuverlässige Quelle.

„Und wat machst du hier? Dass sie dich mal gesucht ham wusst ich, aber wofür?“, fragte Gallou, bereit für mehr Informationen in Hofangelegenheiten. Aber Alandradon zuckte nur die Schultern.

„Ich habe wirklich keine Ahnung. Aber es gibt wohl ein Fest.“

„Die Prinzessin hat Geburtstag.“

„Ah“, machte Alandradon unzufrieden. „Jaaa. Das ist nur kein Grund für mich hier zu sein. Weißt du nichts? Ist irgendwas passiert?“

Gallou hob den Blick nachdenklich zur Decke und stützte sich mit dem Ellenbogen auf einen Sattel.

„Nä. Nichts was für dich was wär. Is mal ruhig. Geht nur um die Prinzessin. Vielleicht will die Königin dir ihre Tochter zuschieben.“ Er grinste breit.

„Klar. Ich hab ja sonst keine Probleme. Vielleicht soll ich den Prinzen aus dem Weg schaffen. Wenn er so stört.“

Gallou sah irritiert auf.

„War nur ein Scherz“, fügte Alandradon hinzu und grinste entspannt. „Na gut, mein Freund. Am besten geh ich nachfragen, was man von mir will.“ Er klopfte ihm im Vorbeigehen auf die Schulter. „Und das du mir keine dieser Spekulationen weiter tratschst. So was bekomm ich mit.“

„Ich?“, machte Gallou übertrieben und griff sich ans Herz. „Ich tratsche nie.“

„Genau. Und ich stricke gern Socken. Dann sind wir uns ja einig.“

 

 

Alandradon ging die Stallgasse hinunter, um seine Taschen zu holen, die vor Miks Stellplatz lagen.

Sein Pferd streckte den Kopf über die halbhohe Holztür, um sich eine letzte Streicheinheit abzuholen. Hinter ihm tauchte der Stallbursche auf.

„Ihr habt ein fantastisches Pferd“, sagte der Junge mit leuchtenden Augen. Er war vielleicht fünfzehn, schmächtig und nicht sonderlich groß. Der Junge wirkte schüchtern, aber der Anblick des Pferdes hatte ihm Mut gemacht, ihn anzusprechen.

„Ja, er ist schon anders als andere“, antwortete Alandradon. „Wie heißt du?“

„Therm.“

„Gut, Therm. Magst du dich in den nächsten Tagen ein bisschen um ihn kümmern? Ich werde vermutlich ganz wenig Zeit haben. Und …“

Aber mehr musste er nicht sagen. Der Junge nickte bereits mit dem Kopf und grinste freudig.

„Dann stell ich dich vor.“ Alandradon öffnete die Tür und trat hinein. Therm blieb davor stehen, da er nicht wusste, was von ihm verlangt wurde. „Komm rein. Ich möchte nur sichergehen, dass ihr euch versteht. Er ist in der Beziehung wählerisch.“

Alandradon hatte die Hand auf den Widerrist von Mik gelegt und sah, wie der Junge sich dem Hals des Pferdes näherte. Er tätschelte Mik die Seite und sah zu wie Therm über den Hals strich, bis das Pferd den Kopf selbstständig senkte und sich am Maul streicheln ließ.

„Gut. Wenn die Zeit dafür da sein sollte, dann sei so gut und sieh die Eisen nach. Ich befürchte, er braucht vorne ein Neues.“ Damit verließ Alandradon den Stall.

 

 

Er verließ die Stallungen durch den vorderen Eingang. Er hoffe jemanden zu finden, der ihn diskret zu seinem Zimmer bringen würde und die Königin über seine Ankunft informieren würde. Natürlich ohne ein Zusammentreffen mit Renya zu riskieren.

Allerdings wusste Niyha bereits Bescheid.

„Pssssssst!“ Er hörte ein Zischen aus einer Ecke links vom Eingang des Schlosses. Eine schmale Tür, die zu einem Boteneingang führte, war halb geöffnet und jemand winkte hektisch. Als er genauer hinsah, erkannte er, dass es tatsächlich die Königin in Person war, die sich hinter dieser Türe versteckte. Ein paar Perlen, die ihr Kleid zierten, reflektierten einen Sonnenstrahl. „Jetzt komm doch her!“

Alandradon warf noch einen Blick zum Tor, aber die Türen waren geschlossen und sonst sah er niemanden. Sie winkte ihn immer noch heran, und als er gerade durch die Tür war, knallte sie diese zu.

„Was machst du?“, fragte er belustigt und sah in nahezu das gleiche Gesicht, wie zuvor im Stall. Es war kaum zu fassen, wie ähnlich Mayarah ihrer Mutter war.

„Ich hab mich davon geschlichen“, sagte sie und fiel ihm euphorisch um den Hals. Er freute sich nicht weniger sie zu sehen und schloss sie für einen langen Moment in die Arme.

„Hach, es ist so gut, dass du endlich hier bist. Ich hab schon nicht mehr dran geglaubt. Ich hab schon vor Monaten nach dir suchen lassen. Viel länger hätte ich gar nicht mehr warten können.“

„Worauf?“ Mit einer Handbewegung ging sie über die Frage hinweg.

„Ich hatte keine Ahnung, dass du heute kommst. Es gab keine Vorankündigung. Aber ich wusste es in dem Moment, in dem du angekommen bist.“ Auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein verschmitztes Lächeln und sie holte tief Luft. „Bisher haben mich zwei Beschwerden erreicht. Über einen“, sie suchte nach dem korrekten Wortlaut. „unmöglichen Mann, der schlicht und ergreifend, untragbar sei. Er benehme sich unpassend und habe keinerlei Manieren“, zitierte sie mit aufgesetzt pikierter Miene. „Der Prinz fordert nicht weniger als deine sofortige Entlassung. Aber eigentlich wollte er wohl Hinrichtung sagen. Seine Mutter wäre auch mit Folter zufrieden. Sie regen sich jetzt künstlich darüber auf, dass Lesca keine guten Angestellten mehr zur Verfügung habe. Renya hat schon erwähnt, dass es höchste Zeit wäre, dass mehr Personal aus dem Norden bei uns tätig wird.“

„Zum Beispiel auf dem Thron?“, fragte Alandradon.

Niyha sah ihn mit einem vertrauten Blick an, der soviel bedeutete, dass sie unheimlich froh war, ihn zu sehen. Er war kaum angekommen und wusste schon genau, worum es ging.

„Ach. Schlimmes Thema. Erzähl ich dir später genauer.“

„Gut, dann lass uns über die Hinrichtung sprechen? Sollen wir ihm den Gefallen tun? Ich wehr mich einfach so zum Spaß.“

Niyha lachte knapp und begann den schmalen Korridor entlang zu gehen.

„Bloß nicht, deine Späße kenn ich. Wie siehst du überhaupt aus. Kein Wunder, dass sie dich nicht als meinen Gast erkennen.“

Alandradon seufzte.

„Ich wollte bloß nicht Gefahr laufen, dass Renya mich erkennt.“

„Ach die blinde Schnepfe erkennt doch ihren eigenen Sohn nur, weil er den gleichen Mist wie sie redet.“

„Mhmm, gute Stimmung bei Tee und Gebäck, was?“

„Kann man so ausdrücken. Sie traten durch die Tür und fingen sofort an zu meckern. Da war kaum Platz für eine Begrüßung. Miroh hat fast schon Nasenbluten vor lauter Beherrschung. Und meine Tochter glänzt mit Abwesenheit. Somit muss ich mir anhören, wie schlecht ich sie erzogen habe. Also ganz normale Probleme.“ Niyha atmete lange aus.

„Nimm das nicht auf die leichte Schulter. Das ist die wahre Form von Krieg. Hofintern“, sagte Alandradon. „Dabei kann ich dir allerdings nicht helfen. Es sei denn, der Prinz braucht einen Dämpfer.“

„Rühr ihn ja nicht an“, sagte Niyha beschwörend, auch wenn sie versuchte ein Lächeln zu unterdrücken. Die Vorstellung war zu verlockend. „Ich sag dir, wenn der sich hier nur einen Fingernagel abbricht, gibt es riesen Ärger.“

„Also was mache ich dann hier?“ Alandradon blieb stehen, bevor sie die Tür zum Treppenaufgang erreichten. Niyha atmete hörbar aus und gab sich verschwiegen. Sie zog ihre Lippen mit nachdenklichem Ausdruck spitz zusammen und klimperte mit den Wimpern. Ihre hellgrünen Augen sahen besonders liebreizend zu ihm auf.

„Erst einmal möchte ich, dass du heute an unseren Tisch kommst. Es wird ein Essen stattf…“

Er warf schon den Kopf in den Nacken und stöhnte ablehnend auf.

„Oh doch mein Lieber! Ich will sogar, dass du dabei bist. Ich besteh drauf.“

„Ich bin müde und Hunger habe ich auch keinen“, sagte er erfolglos.

„Bitte, das musst du mir gönnen. Du hast mich solange warten lassen. Jetzt lass mir die Genugtuung, wenn du heut Abend neben mir am Tisch sitzt“ Sie sah ihn bittend an. „Renya wird in die Tischkante beißen, garantiert.“

„Sie weiß doch eh nicht mehr, wer ich bin.“

„Darum geht’s doch nicht. Sie hat von mir gefordert, dass ich dich bestrafe ...“

„Und das tust du. Ganz ehrlich.“

Sie sah ihn weiter mit einem warmen und entwaffnenden Lächeln an. „Sie wird ausrasten. Ich verspreche es dir. Vielleicht haben wir sogar soviel Glück und ihr Herz bleibt stehen.“

„Niyha!“

Sie kicherte und hielt sich, von sich selbst erschrocken, eine Hand vor den Mund.

„Alles Weitere müssen wir in Ruhe besprechen. Ich hab jetzt keine Zeit. Aber ich schicke dir noch jemanden für deine Garderobe und man wird dir dein Zimmer zeigen. Zum Tee musst du jetzt nicht kommen. Ich erlass es dir“, sagte sie mit einem gönnerhaften Lächeln, das nicht ganz ernst gemeint war. Er öffnete die Tür am Ende des Gangs und ließ sie vorgehen.

„Als ob ich deine Erlaubnis dafür bräuchte“, antwortete er und grinste ihr selbstgefällig ins Gesicht. Sie schob sich an ihm vorbei und zog ihn am Ohr.

„Untergrab nicht meine Autorität.“

„Gut, dass ich da nicht lang graben muss, au!“

„Eure Hoheit“, sagte jemand respektvoll, als sie den Raum betrat.

Niyha richtete sich wie elektrisiert auf und sah zu dem älteren Schlossdiener, der pflichtbewusst anteilnahmslos an einer der Türen stand, die aus dem Raum führte. Der Raum war groß und rund. Der Boden war mit dunkel rotem Teppich ausgelegt, der ein dezentes Muster in vielen Rottönen trug. Mittelpunkt des Raumes war eine breite, steinerne Wendeltreppe mit zahllosen flachen Stufen, die sich von hier in jedes Stockwerk des Schlosses schraubte. Schmale Fensterschlitze ließen Sonnenlicht hinein.

Alandradon verkniff sich ein Lachen und schloss die Tür hinter sich.

„Ah, sehr gut“, sagte Niyha zu dem Diener. „Ich möchte, dass du unserem Gast ein Zimmer zeigst. Und geb einem Schneider Bescheid, der ihm was Passendes zum Anziehen bringen soll.“ Sie wandte sich Alandradon zu. „Ich will, dass du heute einfach nur umwerfend bist. Das ist alles was ich heute von dir will“, sie zwinkerte.

„Sollte die gute Renya der Schlag treffen, wirst du dir wünschen du hättest das nicht so gesagt.“

Niyha verdrehte die Augen.

„Wahrscheinlich überlebt sie uns alle, nur, weil sie solche Freude daran hat, anderen ihre Fehler aufzuzeigen.“

„Na da hätte sie bei mir eine Menge zu tun.“

Niyha legte den Kopf ein wenig schief und lächelte ihn wieder an. Dann legte sie ihm erneut die Arme um den Hals. Er wollte es nicht Verzweiflung nennen, aber etwas lag in dieser Geste, das ihm versicherte, dass die Königin etwas auf dem Herzen hatte. Sie wollte ihn kaum loslassen. Alandradon sah zu dem Schlossdiener, aber der verhielt sich ganz pflichtgemäß, nämlich so, als wäre er nicht anwesend und hatte den Blick abgewandt.

„Du hast nicht irgendwelche Dummheiten vor, oder?“, fragte er nah an ihrem Ohr. Sie neigte den Kopf und wollte zurücktreten, aber er hielt sie fest.

„Nein ich denke nicht, alles gut durchdacht. Du kennst mich.“ Seine Augen zogen sich lediglich ernster zusammen. „Für den Moment solltest du mir einfach vertrauen. Ich würde dich nicht anlügen.“ Sie reckte den Hals, hob sich ein kleines bisschen auf die Zehen und küsste ihn auf die Wange, dann löste sie sich von ihm. Seine Miene verriet alles andere als Zufriedenheit.

„Wir sehen uns nachher“, sagte sie und wollte gehen, da blieb sie erneut stehen. „Nur noch eine Kleinigkeit. Lass dich bitte heute zu nichts hinreißen. Lass sie reden, es ist nicht wichtig, was sie sagen.“

Das waren genau die Aussichten, die er brauchte, um sich auf den Abend zu freuen.


 

Kapitel 3

 

 

Die Kleidung, die man ihm brachte, war makellos und von besonders guter Qualität. Die passenden Stiefel waren auf Hochglanz poliert.

Er selbst hatte ein heißes Bad genommen und ein Nickerchen gemacht. Es hatte seine Wirkung nicht vertan.

Er schloss den Letzten von zahlreichen silbernen Knöpfen am Ärmel. Ein wenig stolz betrachtete er sich im Spiegel.

Er sah einfach gut aus.

Darüber vergas er gern den Luftabschnürenden Kragen, die zwickende Hose und die kneifenden Stiefel. Er war es nicht gewohnt diese Art Garderobe zu tragen – auch wenn sie ihm verdammt gutstand.

Er musste selbst zugeben, dass der wohlriechende weiche Stoff der dunklen Jacke angenehm war. Wäre nicht dieser hochstehende Kragen, den man üblicherweise geschlossen hielt.

Er schob zwei Finger unter den Rand und zog vorsichtig daran, in der Hoffnung, dass der zähe Stoff ein etwas nachgab. Dann wippte er auf den Zehen. Die Schuhe waren ein bisschen zu eng.

Leider waren seine lehmverkrusteten mit staubbedeckten Stiefel keine Option.

Niyha hatte ihn schließlich gebeten, eine gute Figur zu machen. Den Gefallen wollte er ihr tun. Außerdem war es bloß ein Essen. Er hoffte, dass man ihm nicht penetrant Gespräch aufzwingen würde. Es sei denn, Niyha erklärte sich ihm endlich.

Er trat zwei Schritte zurück, korrigierte seine Haltung und kam zum gleichen Ergebnis.

Er sah gut aus.

Ein kleines Schmuckstück konnte jedoch nie schaden. Suchend blickte er sich nach seinem wohl wertvollsten Besitz um.

Zwischen den Falten der Bettdecke entdeckte er eine Gürtelschnalle. Dass diese Kostbarkeit im Bett lag, war keine Absicht gewesen. Mit unter hätte es gefährlich werden können, hätte er sich später in die Federn geworfen.

Er zog den Gürtel hervor und beobachtete das, was daran baumelte. Er fragte sich, ob er es, als Schmuckstück getarnt, an diesem Abend tragen sollte.

Sicherlich würden die Männer allerlei Zierrat auftragen, der im Ernstfall so nützlich war, wie ein stumpfer Holzdegen.

Bei dem, was er in der Hand hielt, war das anders.

Dieses Stück war eine gefährliche Waffe, wenn man wusste, wie an sie einsetzte.

Es war eine grifflose Metallklinge, die Ähnlichkeit zu einem „S“ aufwies. Bei der Klinge gingen die Enden nur weiter auseinander und bildeten scharfe Spitzen. Zusätzlich formten Verschnörkelungen, Auswüchse wie kleine Äste. Auch hier: scharfkantige Äste.

Der Stahl lag kühl und glatt in seiner Hand. Die Farbe lief in Übergängen bis in ein dunkles Grau. Es zogen sich an unscheinbaren Linien, dunkle rote Schlieren durch das Metall. Als er über die Oberfläche strich, fühlte er die gravierten Linien, die die Konturen des ungewöhnlich geformten Stücks nachzogen und zusätzliche Muster malten. Die Kanten liefen spitz zu und waren scharf geschliffen. Unterbrochen war das durchgehende Stück mit kleinen, wie zufällig angeordneten, Löchern. Routiniert schob er die Finger in die Lücken und hielt die Klinge fest. Präzise schmiegte sich das Metall an seine Hand. Die Abstände waren perfekt für seinen Griff, sodass er sie bequem halten konnte.

Das war wichtig. Denn nur so wurde aus dem Schmuckstück eine effektive Waffe. Niemanden war er bisher begegnet, der diese Klinge werfen und wieder fangen konnte, sodass sie eine echte Gefahr darstellte.

Dies war seine Klinge, und die handhabte niemand so wie er.

Trotz aller Eitelkeit legte er sie auf ein Schränkchen neben dem Bett. Sie zu tragen würde bloß Fragen aufwerfen. Das Stück war auffällig ungewohnt. Gerade an einem Tisch, an dem man eingehend gemustert wurde. Es reichte, wenn sie ihn ansahen. Möglich, dass das genug Fragen aufwarf. Unliebsame Fragen.

Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel versprach ihm, dass man zumindest an seiner Garderobe nichts auszusetzen konnte.

Also auf in den Kampf – zum Abendessen des Könighauses.

 

 

Die letzte der drei Sonnen warf ihre rötlichen Strahlen über die Grenze der Wälder. Lange Schatten wurden von den seitlichen Vorhängen der Fenster in den Flur geworfen. Die Streben in den riesigen Scheiben malten ein zaungleiches Muster auf den dicken dunkelroten Teppich. Mayarah blieb einen Augenblick stehen und sah hinüber zum Waldrand, über dem die Sonne einen Halbkreis bildete. Ihre Zofe Larima, eine unauffällig hübsche junge Frau mit glatten, brauen Haaren, in einem blass rosa Kleid, trat neben sie.

„Ist alles in Ordnung?“

Mayarah reagierte nicht sofort. In ihrem Blick lag etwas Trauriges. Etwas wütete in ihren Gedanken.

„Ja. Ich denke schon.“

„Möchtest du drüber sprechen?“

Die beiden waren Freunde seit Larima an den Hof gekommen war. Damals war sie kaum zehn Jahre alt gewesen. Niyha hatte bemerkt, dass es ihrer Tochter an Gleichaltrigen fehlte und Larimas Eltern den Vorschlag unterbreitet sie zur Ausbildung ins Schloss zu holen. Natürlich wies man ein solches Angebot nicht zurück, auch wenn Larima anfangs die Trennung von ihren Eltern zu schaffen machte. Allerdings verstanden sich die Mädchen so gut, dass sie sich bald wohlgefühlt hatte. Als ihre Ausbildung begann und sie in den offiziellen Dienst als Mayarahs Zofe trat, kümmerte sie sich gerne um die Prinzessin.

„Ich glaube gerade nicht. Es ist schon zu oft gesagt worden“, entgegnete die Prinzessin und ging weiter Richtung Treppenhaus.

„Lass dich von Pherin nicht beeinflussen. Er soll ruhig reden. Damit blamiert er sich doch selbst am besten.“

Mayarah musste lächeln.

Am Nachmittag war sie nur kurz beim Tee aufgetaucht um die Verwandten zu begrüßen, aber es hatte vollkommen gereicht.

Gerne redete man überfreundlich auf sie ein, versicherte ihr, wie gern man sie hatte, und verlor sich in einer gut gemeinten Belehrung.

Pherin hatte selbstverständlich mit gutem Benehmen brilliert und versucht abzuschwächen, was die Tanten auszusetzen hatten an der jungen Prinzessin. Das sein Gerede, das Schlimmste von allem war, bekam er gar nicht mit. So wie offenbar auch kein anderer. Als sich die Gelegenheit eines vertrauteren Gesprächs geboten hatte, war seine Frage gleich nach dem Vorfall im Stall gewesen.

Mayarah hatte damit gerechnet und setzte ein erschüttertes Gesicht auf, als sie sich nach den Umständen erkundigte. Selbstverständlich hatte sie keine Ahnung von diesem schrecklichen Vorfall.

Seine Skepsis lag offen auf seinem Gesicht, aber nachdem sie mehrfach beteuerte keinen Schimmer zu haben, wovon er sprach, erzählte er in kurzen Worten von dem hektischen Vorfall. Und übertrieb maßlos.

Sie gab sich betroffen und war erleichtert, dass er Zweifel äußerte, sie gesehen zu haben.

Sie mochte ihn nicht und wollte nicht, dass er auf die Idee kam, dass sie ihn mochte. Aber ihr war bewusst, wie unpassend es war, wenn sie vor ihm die Flucht ergriff.

Sie stand vor der Tür, die zum Treppenaufgang führte. Bevor sie die Klinke ergriff, atmete sie tief durch, übte ein einstudiertes Lächeln und ging hindurch. 

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